Hast auch du einen zweiten Geburtstag, den du bewusst feierst?

Ich auch. Meiner ist immer am 6. November.

Ich war auf dem Weg zum Kunden an einem Sonntag vormittag, als mir auf der fast leeren Autobahn ein Falschfahrer auf der linken Spur entgegen gekommen ist. Meine Gedanken rasten während der Wagen auf mich zu fuhr.

Ausweichen konnte ich nicht, weil die Spur neben mir durch ein anderes Auto belegt war.

Die Sekunden zogen sich für mich gefühlt in Minuten hin. Dann sah ich, wie der Autofahrer neben mir das Steuer herum riss und auf die Standspur auswich. Der nette Schweizer neben mir hatte mir eine Lücke gemacht, die ich nutzte und konnte ausweichen.

Ich zitterte am ganzen Leib und dachte mir: “Wenn du jetzt aus dem Fahrzeug steigst, kommst du heute nicht mehr zum Kunden”. Noch nicht mal 30 Sekunden später konnte die Fahrerin hinter mir nicht mehr ausweichen und hatte einen Frontalcrash. Sie und der Geisterfahrer verstarben noch an der Unfallstelle. Ich weiß nicht, warum sie nicht ausweichen konnte. Vielleicht hatte sie keinen Autofahrer, der für sie geistesgegenwärtig Platz gemacht hat. Die Bilder, die ich später in den Zeitungen gesehen haben, sind fest in mir abgespeichert. Ich selbst habe den Unfall nicht gesehen, da ich gerade über eine Kuppe gefahren war.

Bis heute konnte ich mich nicht bei meinem Retter für mein Leben bedanken. Ich war so durch den Wind, dass ich mir nicht seine Nummer notiert habe. Deshalb habe ich im Januar 2015 versucht, diesen einen Schweizer ausfindig zu machen. Über Facebook zog meine Post solche Kreise, dass in Schweizer Zeitungen über meine Suche berichtet haben. Es hat sich auch jemand bei einer Zeitung gemeldet. Allerdings nicht der Fahrer, sondern der Beifahrer. Ich habe seine Telefonnummer, hatte aber bisher noch nicht den Mut, ihn anrufen. Von einer Schweizer Zeitung weiß ich jetzt, dass sich mein Held 2013 selbst das Leben genommen hat. Warum weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er mir mein Leben gegeben hat. Sein Tod hat mich sehr geschockt. Irgendwann werde ich genug Mut haben, den Beifahrer anzurufen, der übrigens kein Schweizer, sondern ein Kroate ist, der vor ein paar Jahren noch in der Schweiz gewohnt hat.

Geniesse dein Leben! Ich habe viel daraus gelernt: Mir ist es wichtiger gesund am Leben zu sein, als vieles andere, was mir vorher so unglaublich wichtig war. Ich habe wirklich eine zweite Chance bekomme und bemühe mich täglich diese auch zu nutzen. Dass ich noch weiterleben darf, während die Fahrerin hinter mir tot ist, feiere ich deshalb jeden Jahr am 6. November…

Ich freue mich auf deine Kommentare!

Angélique Morio

 

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